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«Dem Menschen sind in seiner Vorstellung keine Grenzen
 
gesetzt ausser denen, die er sich selbst setzt
 
Richard F. Estermann

Sieg oder Niederlage

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Kolumne "Kompass"

Portrait Richard EstermannHaben Sie auch schon über Siegerehrungen nachgedacht? Als der Verlierer Stan Wawrinka während der Siegerehrung dem Gewinner Roger Federer «He’s laughing, he is an asshole» zurief, beschäftigte dies die halbe Schweiz. Viele Menschen waren einfach sprachlos. Dieser überraschende Zwischenfall beim Tennisturnier von Indian Wells gab mir Gelegenheit, einmal kurz über Siegerehrungen nachzudenken. Sie sagen viel aus über den Charakter eines Athleten. Warum?

Der Charakter und die wahre Grösse eines Sportlers zeigt sich nicht im Sieg, sondern in der Niederlage! Eine Siegerpose einzunehmen fällt niemandem besonders schwer. Und es ist für den Gewinner einfach, ein Lächeln in sein Gesicht zu zaubern und vor den Medien aufzutreten. Doch wie sieht es bei einer Niederlage aus? Wir kennen zum Beispiel im Tennis die widrigen Umstände, die dann schuld sind. Der Wind, die Sonne und so weiter. Es wird von verpassten Chancen und Möglichkeiten gesprochen. Dies alles, nur um nicht zugeben zu müssen, dass der Gegner heute einfach besser war.

Einer der fairsten Sportler und ein absolutes Vorbild ist für mich der Tennisstar Rafael Nadal. Ein absolut fairer Athlet, sympathisch, bescheiden und ohne Starallüren. Obwohl er wie kaum ein anderer Sportler jahrelang mit Verletzungs-Pech zu kämpfen hatte und mehrmals monatelang kein Turnier spielen konnte, hat er sich deswegen nie beschwert oder beklagt. Er gab nie jemand anderem die Schuld und er hatte nie eine Ausrede.

Warum nach einer Niederlage nicht sagen: «Der Gegner verdient den Sieg – er hat heute einfach besser gespielt!» Und der Verlierer bekommt dafür den Respekt der Zuschauer.

Vorstellung schafft Wirklichkeit

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Kolumne "Kompass"

Portrait Richard EstermannKürzlich sprach der letzte österreichische Abfahrtsweltmeister Michael Walchhofer in einem Interview über seinen Sieg an der WM 2003 in St. Moritz. Er habe die Strecke mental über fünfzig Mal abgefahren (visualisiert) und sich jede Einzelheit eingeprägt, sagte er. Im Rennen verlief dann alles genau so, wie er es sich vorgestellt hatte. Und bereits vor dem Ziel wusste er: Jetzt bin ich Weltmeister!

Geistige Bilder, also mentale Vorstellungen, haben einen direkten Einfluss auf unsere Gehirnströme, unseren Blutkreislauf, den Puls, die Hauttemperatur, die Magensekretion (Pawlow-Reflex) und sogar auf unser Immunsystem.

Visualisieren heisst, in Bildern denken! Das Visualisieren einzelner Bewegungsabläufe oder eines ganzen, bevorstehenden Wettkampfes, ist deshalb die Seele des mentalen Trainings. Dabei ist es wichtig, möglichst vollkommene Bilder zu sehen d.h. genau das, was wir im Training oder im Wettkampf erreichen wollen. Und je mehr Informationen wir dabei wahrnehmen, optisch und akustisch, desto mehr nähern wir uns dem idealen Mentalzustand. Wir «sehen» die Umgebung, «fühlen» die Atmosphäre, hören die Anfeuerungsrufe und den Beifall der Zuschauer, die Lautsprecherdurchsagen. Wir sind hoch konzentriert, haben eine totale Kontrolle über unseren Körper – fühlen uns locker und entspannt. Unsere Bilder sind immer positiv, klar und in Farbe. Wir erleben dabei ein Hochgefühl und übertragen diese tolle Stimmung auf unseren kommenden Wettkampf: «Ich weiss, der nächste Wettkampf wird für mich genauso erfolgreich wie derjenige, den ich soeben mental erlebte!» So schaffen wir beste Voraussetzungen für einen optimalen Erfolg!

Unmögliches wird möglich!

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Kolumne "Kompass"

Portrait Richard EstermannEinige sprechen von Magie, andere von einem „Fussball-Wunder“. Nach dem 0:4 Debakel im Hinspiel schaffte der FC Barcelona in der „Champions League“ gegen Paris SG das scheinbar Unmögliche: Er gewann mit 6:1! Es ist eine faustdicke Sensation und das grösste Comeback aller Zeiten. Wie ist so etwas möglich?

Es spielen dabei zwei Punkte eine entscheidende Rolle. Einerseits benötigt in dieser Situation die zurückliegende Mannschaft den unerschütterlichen Glauben, das Unmögliche zu schaffen. Skepsis, Zweifel oder Befürchtungen sind Gift für den Glauben. Sie sind zerstörerisch und destruktiv. Der feste Glaube an seine eigenen Fähigkeiten und an einen möglichen Sieg - ein Glaube, der nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt, muss von „innen“ kommen! Ein blosses Lippenbekenntnis genügt nicht! In diesem Zustand ist aber ein Spieler in der Lage, Berge zu versetzen und das Unmögliche wird möglich. Mit dieser Einstellung und einer selbstbewussten, kämpferischen Leistung, hat Barcelona den Sieg verdient.

Auf der anderen Seite stand der FC Paris mit dem komfortablen Vorteil, mit 4:0 aus dem Hinspiel in Führung zu liegen. Eine derartige Führung birgt aber eine grosse Gefahr, nämlich die der Überheblichkeit oder dem Glauben, den Vorsprung nur noch verwalten zu müssen. Diesen Eindruck hatte man tatsächlich beim FC Paris. Die Spieler kamen kaum aus ihrer eigenen Hälfte heraus und mit zunehmendem Spielverlauf schlich sich eine heimliche Angst ein, das Match könnte doch noch kippen. So, als ob man gegen den Abstieg spielen würde. Das Match war ein eindrückliches Lehrstück, wie unmögliches möglich wird!

Unter Druck gesetzt!

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Kolumne "Kompass"

Portrait Richard EstermannVor einiger Zeit widmete ich eine Kolumne dem US- Superstar MIKAELA SHIFFRIN. 28-fache Weltcup-Siegerin, Weltmeisterin und 2-fache Olympiasiegerin,- mit 21 Jahren! Für diesen Winter hatte sie sich vorgenommen, den Gesamt-Weltcup zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen genügt es aber nicht, nur Slalom-Punkte zu sammeln, sondern sie muss auch in den anderen Disziplinen erfolgreich sein. Damit setzte sie sich aber selbst gewaltig unter Druck. Und plötzlich, zu Beginn des Winters, lief bei ihr nicht mehr alles rund. Sie war verletzt und machte eine Pause.

Hatte ich die „mentale Überfliegerin“ MIKAELA SHIFFRIN zu stark gelobt? In einem Interview sagte sie damals: „Ich wollte einfach zu viel!“ In der Zwischenzeit konnte sie sich aber dieser neuen Situation anpassen und wieder die richtige Einstellung zum Siegen finden. In St. Moritz wurde SHIFFRIN mit einem sagenhaften Vorsprung von 1,64 Sekunden auf WENDY HOLDENER, zum dritten Mal hintereinander Weltmeisterin im Slalom!

Aber sie hatte in ihrem Interview ein wichtiges Problem angesprochen, das fast jeder Athlet kennt: Man steht während dem Wettkampf unter Druck. Viele Sportler scheitern daran, haben aber keine Ahnung, warum sie ihre erwartete Leistung nicht erbringen konnten. Wir müssen uns dann fragen: Spielen bestimmte Personen „unbewusst“ eine Rolle? Eltern, Freunde, Trainer, die Öffentlichkeit? Oder setze ich mich selbst unter Druck, indem ich die Latte zu hoch ansetze? Spielen eventuell auch andere Faktoren wie Ehrgeiz oder Anerkennung dabei eine Rolle? Sprechen Sie mit Ihrem Trainer oder Mentalcoach über diese wichtigen Punkte!

Unterbewusst zum Erfolg

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Kolumne "Kompass"

Portrait Richard EstermannObwohl wir noch relativ wenig über unser Unterbewusstsein wissen, könnten wir darüber Bände füllen. Es ist vergleichbar mit einem Eisberg, von welchem nur ein geringer Teil aus dem Wasser ragt (Bewusstsein). Die grosse Masse bleibt unter Wasser, ist unsichtbar und uns nicht bewusst. Das Unterbewusstsein war schon immer da, ist immer aktiv, bildete bereits im Mutterleib unsere Organe und steuert alle Lebensvorgänge. Vergleichen wir es mit einem Computer: Es registriert, speichert und arbeitet mit Daten. Alles was wir in unserem Leben wahrnehmen und erleben, wird gespeichert und ist später – leider – auch verantwortlich für Ängste und Befürchtungen. Denn auch Niederlagen, Stürze und Verletzungen eines Sportlers, werden von unserem Unterbewusstsein registriert. Aufgrund dieser Erkenntnis wollen wir beim mentalen Training nur positive Bilder sehen. Eine besonders für Sportler wichtige Eigenschaft des Unterbewusstseins ist dessen Tendenz, unsere Gedanken, Wünsche und Vorstellungen zu verwirklichen. Dabei ist es aber nicht in der Lage, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden. Das heisst auf die mentale Ebene übertragen: Eine Vorstellung, ein Bewegungsablauf wird vom Unterbewusstsein als real registriert, auch wenn wir uns diese nur vorstellen.

Gerade jetzt können wir gut beobachten, wie die Ski-Asse bereits am Start ihren bevorstehenden Lauf mental absolvieren. Je besser einem Athleten diese Visualisierung gelingt, desto besser wird sein Lauf in der Realität gelingen. Denn unser Unterbewusstsein hat wie gesagt immer das Bestreben, unsere mentalen Vorstellungen in die Tat umsetzen.